Wie Architektur nicht funktioniert – How architecture doesn’t work

Wirklich schlechte Architektur

Really bad architecture

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Die Casa son Vida steht in Palma de Mallorca und wurde von Tec Architecture geplant und Marcel Wanders Studio ausgestattet. Mir liegt es fern, die Arbeit anderer Architekten zu diskeditieren, aber am Beispiel der Casa son Vida kann man sehr anschaulich darlegen, wie – meiner Meinung nach – schlechte Architektur aussieht; und daß diese, wie auch umgekehrt gute Architektur, nicht unmittelbar mit den eingesetzten finanziellen Mitteln zu tun hat. Die Grundsätze der Architektur liegen schon seit Jahrtausenden fest. Der Minimalkanon ist durch die von Vitruv – ca. 75 bis 15 vor Christus – festgelegten Qualitäten der „Firmitas“ (Dauerhaftigkeit, Stabilität), „Utilitas“ (Funktionalität, Nutzbarkeit) und „Venustas“ (Anmut, Reiz oder Schönheit) definiert. Diese Oberbegriffe wiederum sind von Vituv genauer bestimmt worde. Die „Venustas“ beispielsweise, enthält die Aspekte „ordinatio“, „dispositio“, „eurythmia“, „symmetria“, „decor“ und „distributio“. Die meisten der Begriffe kann man sich selbst erklären. Nicht alle Aspekte kommen immer zur Anwendung und verschiedene werden heute anders interpretiert. So ist die Symmetrie nicht in jedem Kulturkreis gleichbedeutend bzw. erstrebenswert/wert-voll und selbst im gleichen Kulturkreis hat die Symmetrie oder der Dekor beispielsweise, unterschiedliche Wertungen im Laufe der Zeit bekommen. Die Grundsätze, wie sie Vitruv in seinen ‚Zehn  Büchern über die Architektur‘ verfaßt hat, sind aber erstaunlicherwise immer noch gültig und ein guter Maßstab um die Qualität von Architektur zu beurteilen.

Zurück zur Casa son Vida: Diese nun leistet nichts von dem, was ich aus einem der Vitruv’schen Kriterien her ableiten könnte. Die Baukörper harmonieren nicht, lassen keine funktionale Anordnung zueinander erkennen, die Räume bieten keine Geborgenheit, keine Aussichten, keine Flächenzuordnungen.

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Der Durchgang im linken Bild ist dunkel und runde, eckige, schräge und gerade Formen treffen sich ohne Zusammenhang. Im Eßzimmer sitzt man über dem Treppenaufgang, und derjeniger der sich am Glasgeländer vorbeidrücken muß,  wird wohl der unbeliebteste Gast sein und immer Angst haben herunterzufallen. In der Küche wird nie gekocht werden, man kann sie als Attrappe bezeichnen (im Grundriß ist ein weiterer Raum als Küche gekennzeichnet). Das Wohnzimmer bietet keinen Halt, keine Geborgenheit, keine Blickrichtung. Mal runde Formen, dann ohne Grund ein Knick in der Wand. Die Eßzimmer-Glaswand hinter einem runden Bogen wurde wiederum nicht konsequent und bewußt zu Ende geplant: Dann müssen die Fenster halt eckig hinter die Fassade zurückgenommen werden und mit Hilfkonstruktionen/Balken oben abgeschlossen werden. Dabei, wenn man so unglaublich viel Geld in ein solches Haus steckt, wie man es an der Ausstattung leicht ablesen kann, dann kann man auch eine zur Rundung der Fassade passende Verglasung wählen. Die – wahrscheinlich Bisazza – Mosaikfliesen kosten ein Vermögen, schnell mal 1000€ der Quadratmeter. Gleiches gilt für die plumpen Boffi-Badarmaturen die einfach nur teuer sind, trotz billigster Industriebauteile.

Aber über die Ausstattung etc. kann man nicht streiten; man sieht aber, daß es der Geschmack des Designers ist und die Bauherren völlig hilf- und orientierungslos in ihrem eigenen Lebensstil bzw. Stilempfinden sind.  Es gibt nichts persönliches, individuelles. Worüber man aber streiten kann, ist die schlechte Architektur, die durchaus objektivierbar ist. Im Badezimmer klemmt die Sitzbank hinter der Duschtonne – die scheinbar nicht nach außen entlüftet wird, sondern ins Schlafzimmer – und das kleine Fenster rechts neben der Tonne läßt sich wohl kaum richtig öffnen. Das sind objektive Qualitätsmängel der Architektur. Ob dieses Haus auch nur zeitweise ein Heim sein kann, bezweifele ich; als Gästehaus taugt es allerdings auch nicht.

Auch wenn jeder Laie schnell einen Grundriß zeichnen kann,  ist Architektur doch soviel mehr, und wirkliche Beherrschung des Meties erlangen viele Architekten erst nach Jahrzehnten der Bau- und Planungspraxis. An alle potentiellen Bauherren: Suchen Sie sich einen richtigen Architekten, lassen Sie Sich Zeit den für Sie passenden auszusuchen, und bringen Sie diesem dann Vertrauen entgegen (Fast alle Architekten kosten übrigens ungefähr das gleiche in Deutschland. Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure gibt die Honorarspannen vor und ist transparent und objektiv). Dann kann richtige Architektur auch werden…

Fotos/Quelle: Gaelle Le Boulicault & Marcel Wanders Studio; archdaily

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